Interreligiöse Aktivitäten für den Naturschutz

mit Beteiligung der Dojos Melle und Osnabrück

von Claus Bockbreder, Dojo Melle

qinghill

Im Februar 2015 kamen erstmals auf Einladung des Abrahamischen Forums in Deutschland – einem Forum für den Dialog von Juden, Christen und Moslems - Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften, des Bundesamtes für Naturschutz und verschiedener Naturschutzorganisationen zu einem Dialogforum zum Thema „Religionen und Naturschutz – Gemeinsam für biologische Vielfalt“ zusammen. Der Buddhismus war durch die Deutsche Buddhistische Union vertreten. Damit auch Buddhisten teilnehmen konnten, war der ursprünglich vorgesehene Titel, der den Begriff „Bewahrung der Schöpfung“ enthielt, in den oben genannten geändert worden.

Die Vertreter dieses Forums betonten die Wichtigkeit des Naturschutzes und des Artenschutzes.

Sie sehen als zentrale Gründe für das Artensterben: „Ressourcen überbeanspruchende Formen des Wirtschaftens, Produzierens und Konsumierens, soziale Ungerechtigkeiten und der Unfrieden in der Welt“. Klimawandel und Verlust der biologischen Vielfalt berauben Menschen ihrer Lebensgrundlagen und zwingen sie dazu, ihre Heimat zu verlassen.

Als Konsequenz beschreiben die Religionsgemeinschaften ihre Aufgabe folgendermaßen: „Auch wenn sich die Lehre und Praxis der Religionen unterscheiden: Die Bewahrung der Natur und ihrer Vielfalt ist für sie eine gemeinsame und bleibende Aufgabe. Interreligiöses Zusammenwirken dient dabei dem besseren Kennenlernen untereinander und dem Frieden miteinander und mit der Natur.“

Um die Menschen für den Naturschutz zu sensibilisieren

  • soll jedes Jahr im September eine Religiöse Woche in einer anderen Stadt stattfinden, in der Themen zum Naturschutz und zur Artenvielfalt behandelt werden.
  • sollen die Religionsgemeinschaften um ihre Gebäude Orte der biologischen Vielfalt schaffen
  • sollen religiöse Teams für den Naturschutz gebildet werden, um die gemeinsame Aufgabe der Religionen in Schulen und Bildungseinrichtungen zu verbreiten.
  • Soll ein Netzwerk der Religionen für den Naturschutz gegründet werden.

Projektwoche „Naturschutz und Religionen“

Auf obige Anregung hin richtete die örtliche Gruppe von Religions for Peace, in der ich Mitglied bin, im September 2018 eine Projektwoche „Naturschutz und Religionen“ aus. Unsere Dojos in Osnabrück und Melle haben sich daran beteiligt, unter anderem mit täglichem morgendlichem Zazen, bei dem ich Gedichte von Meister Ryokan und Texte von Meister Dogen und Meister Wanshi zu ihrer Haltung zur Natur vorgelesen und erklärt habe.

Des Weiteren wurde im Rahmen dieser Woche bei Exkursionen die Stadt als Lebensraum vieler pflanzlicher und tierischer Arten dargestellt, ebenso wurden verschiedene Naturschutzprojekte in der Umgebung angesehen, wie z.B. in einem Umweltbildungszentrum Maßnahmen zum Schutz des Ökosystems Wald.

Zwei Biohöfe wurden besucht, die nach sehr unterschiedlichen Konzepten arbeiten. Der erste Hof ist eine Stätte der Begegnung. Die Bauernfamilie, andere Menschen, die auf dem Hof leben und Menschen, die stundenweise kommen, kümmern sich gemeinsam um den Boden, die Pflanzen und Tiere. Es geht, neben der biologisch – landwirtschaftlichen Produktion, vor allem um ein gutes menschliches Miteinander und Lernen voneinander, auch schon im Kindesalter. So gibt es auf dem Hof einen Kindergarten, wo die Kinder in der Natur spielen können und spielerisch die grundlegende religiöse Haltung der „Ehrfurcht vor dem Leben“ einüben können. Eine Grundschule ist auf dem Hof im Aufbau.

Auf dem anderen Hof wird nach den strengen Demeter-Richtlinien angebaut. Wir wurden über den Anbau informiert, ernteten, verarbeiteten und aßen das Gemüse gemeinsam. Dabei habe ich unser Mahlzeiten-Sutra auf Deutsch vorgetragen und erklärt.

An zwei Schulen konnten wir erleben, wie sich die Jugendlichen schon in der Zeit vor Greta mit viel Engagement und Wissen mit dem Schutz der Umwelt beschäftigen. So legten sie z. B. Blühwiesen an für Insekten. Jede Schule hat eine eigene Imkerei, in der Honig gewonnen und direkt vermarktet wird. Die Schüler lernen so, die oft als Gegensatz angesehenen Aspekte von Ökologie und Ökonomie gleichzeitig zu berücksichtigen. In einer Schule haben sie Innenhöfe zu „Gärten der Religionen“ gestaltet, einen jüdisch-christlichen, einen muslimischen und einen fernöstlichen Garten, in denen Pflanzen, die in den einzelnen Religionen eine Rolle spielen, angepflanzt wurden. Die Gärten dienen der Ruhe und der Kontemplation.

In der Abschlussveranstaltung der Woche, bei der auch Vertreter von Stadt und Land anwesend waren, formulierten die Schüler sehr klar ihre Forderungen für eine verantwortungsbewusste und nachhaltige Umweltpolitik.

Projekttag „Naturschutz und Religionen“

Vereinbarungsgemäß soll in jedem Jahr im September in den Städten, die schon die oben beschriebene Projektwoche zu Naturschutz und Religion durchgeführt haben, ein Projekttag stattfinden. Dieser fand in Osnabrück am 01.09.2019 statt.

Eingeleitet wurde der Tag mit einem Gottesdienst mit Predigt zum Umweltschutz und einer Musikkomposition über die „Klänge der Religionen“ von einem komponierenden Mitglied unserer örtlichen Gruppe Religions for Peace. Dann wurden zwei wissenschaftliche Vorträge gehalten von einer Universitätsprofessorin für Botanik über das Thema „Rückgang der Biodiversität – Was können wir tun?“ und von dem Leiter der „Deutschen Bundesstiftung Umwelt“, deren Sitz in Osnabrück ist, über die Verschmutzung der Umwelt mit Chemikalien.

Die Kernaussagen des ersten Vortrags waren:

Eine gesunde Umwelt ist notwendig.

  • zur Lieferung von Nahrung
  • zur Lieferung von Rohstoffen
  • zur Sauerstoffproduktion für die Atemluft
  • als Kohlendioxidspeicher
  • zur Vermehrung vieler Pflanzen durch Fruchterzeugung mittels Bestäubung
  • zur Anpassung von Lebewesen an sich ändernde Umweltfaktoren durch genetische Vielfalt
  • zur Erholung und Wohlbefinden.

Als Ursache für den Verlust von Arten wird allgemein die Intensivierung der Nahrungsmittelindustrie angesehen, die dazu führt, dass

  • Naturlandschaft in Kulturlandschaft umgewandelt wird, indem z.B. Moore, die erhebliche Mengen Kohlendioxid speichern können, trockengelegt und landwirtschaftlich genutzt werden
  • Monokulturen angelegt werde, z.B. große Flächen mit Maisanbau zur Gewinnung von Biodiesel oder Ersatz unserer heimischen Mischwälder durch Fichtenkulturen, die für die Holzwirtschaft ertragreicher sind aber das Ökosystem Wald zerstören. Abholzung von Tropenwäldern zugunsten von Palmöl und Sojaproduktion
  • an tropischen Meeresküsten Mangrovenwälder, die die Küsten schützen, abgeholzt werden, um Shrimpsfarmen anzulegen. Das hat zur Folge, dass Meerwasser weit ins Landesinnere gelangen kann und landwirtschaftlich genutzte Flächen unbrauchbar werden.
  • Das Ökosystem des Bodens durch den intensiven Gebrauch von Kunstdünger und Pestiziden zerstört wird.

Was ist zu tun?

  • Renaturierung von Wäldern und Mooren
  • Aussaat von heimischen Wildpflanzen. Dazu stellt das Biologische Institut der hiesigen Universität im Rahmen des „Osnabrücker Bienenbündnisses“ eine Wildblumensamenmischung zur Verfügung
  • Renaturierung der großflächigen Ländereien der Kirchen
  • bessere Umsetzung der „Fauna- Flora-Habitat-Richtlinie“ der EU
  • Verbot von schädlichen Pestiziden und anderen Chemikalien
  • keine EU-Förderung von Biogas aus Mais
  • EU-Agrarförderung binden an Umwelt– und Naturschutzauflagen
  • Reduktion von Kohlendioxid- und Stickstoffemission
  • Reduktion von Düngemitteln in der Landwirtschaft
  • Förderung biologischer Landwirtschaft
  • Änderung des Lebensstils mit übermäßigem Konsumverhalten
  • Änderung spezieller Konsumgewohnheiten: keine Produkte kaufen, die Palmöl enthalten, die aus Tropenholz sind, keine Gartenerde mit Torf kaufen
  • weniger Auto fahren und fliegen

Im zweiten Vortrag wurden zunächst die Ziele nachhaltiger Entwicklung der Vereinten Nationen dargestellt:

  1. keine Armut
  2. kein Hunger
  3. Gesundheit und Wohlbefinden
  4. hochwertige Bildung
  5. Geschlechtergleichstellung
  6. sauberes Wasser und Sanitärversorgung
  7. bezahlbare und saubere Energie
  8. menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum
  9. Industrie, Innovation und Infrastruktur
  10. weniger Ungleichheiten
  11. nachhaltige Städte und Gemeinden
  12. verantwortungsvolle Konsum- und Produktionsmuster
  13. Maßnahmen zum Klimaschutz
  14. Schutz des Lebens unter Wasser
  15. Schutz des Lebens an Land
  16. Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen
  17. Partnerschafen zur Erreichung der Ziele

In zahlreichen Grafiken wurde dargestellt, wie seit etwa Beginn des 20. Jahrhunderts exponentiell wachsend parallel zum Bevölkerungswachstum der Verbrauch von Ressourcen an Wasser und Energie zunehmen, ebenso der Anstieg der Klimagifte Kohlendioxid, Stickoxid und Methan und der Verlust an Regenwald und Naturland.

Den Grafiken zufolge ist der Einfluss der modernen Zivilisation auf Klima und Umwelt nicht zu leugnen.

Des Weiteren wurde grafisch gezeigt, wie weit die Belastung von Land, Luft und Wasser durch Nutzung und Umweltgifte schon fortgeschritten ist. Insbesondere hat die Belastung der Gewässer durch Düngung mit Phosphaten und Stickstoff eine tragbare Grenze überschritten. Ebenso die Bedrohung der Artenvielfalt.

Beeindruckend war die Zahl von 130.000.000 organischen und anorganischen chemischen Stoffen aus Industrie, Landwirtschaft, Städtebau, Freizeitaktivitäten, Haushalten. Kleidung und Medizin, die die Umwelt belasten.

Nach Darstellung einiger positiver Beispiele für nachhaltiges Wirtschaften und Recycling schloss der Vortrag mit einem Zitat des früheren deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler aus dem Jahr 2016:

„Erst wenn wir eine Perspektive auf den Globus als Ganzes einnehmen und die Armuts- und Umweltfrage gemeinsam betrachten, bekommen wir eine Ahnung dessen, was uns bevorsteht. Die größte Herausforderung der Menschheit im 21. Jahrhundert ist es, allen Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen, ohne dabei unseren Planeten zu zerstören. Dies kann und wird nicht mit dem jetzigen Wohlstands- und Wachstumsmodell der Industrieländer gelingen. Wenn alle Menschen so produzieren und konsumieren würden wie die Europäer und Amerikaner, dann bräuchten wir drei oder vier Planeten. Die haben wir aber nicht.“

Nach einer ausführlichen Diskussion der Vorträge schließt der Tag mit einem Theaterstück „The Plasticbusters“, das Schüler zum Thema Ignoranz und Verantwortung im Umgang mit Plastik zum Schutz der Umwelt geschrieben haben und aufführten.

Fazit

Alle Veranstaltungen zeigten teilweise sehr drastisch, an welchem Wendepunkt wir stehen. Dies ist nicht unbedingt neu für diejenigen, die sich länger mit dem Thema beschäftigen, aber in der Klarheit immer wieder beängstigend.

Leider war es wie immer. Es waren relativ wenig Besucher da, und die, die da waren, waren sowieso schon gut informiert, wurden aber in ihrem Handeln zum Schutz der Natur erneut gut motiviert.

Sehr erfreulich waren das große Engagement und die Ernsthaftigkeit der Schüler im Umgang mit dem Thema. Ihnen gelingt es ja inzwischen auch mit den Fridays for Futur-Demonstrationen mehr Menschen wachzurütteln.



Photo by qinghill on Unsplash.

Tags: NL30

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