Interviews mit Zen-Praktizierenden

  1. Carla, 36 Jahre
  2. Frank, 39 Jahre
  3. Martine, 77 Jahre
  4. André, 64 Jahre
  5. Paul, 21 Jahre
  6. Sabine, 49 Jahre

Carla, 36 Jahre

Wie lange machst Du Zazen und was hat Dich zu Zazen geführt?

Ich praktiziere seit etwa zehn Jahren. 2003 war ein Jahr des Umbruchs für mich: Ende des Studiums, Ende der Beziehung. Nach dem Studium ging ich nach Südamerika mit einem heimatlosen, suchenden Gefühl. Erst war ich in Peru und arbeitete in einem Heim. Weil aber dieses heimatlose Gefühl blieb, wollte ich etwas mit Meditation ausprobieren. Irgendwann kam ich auf Zazen und fand eine Gruppe in Bolivien, auf der anderen Seite der Anden. Dort suchte ich mir ein Zimmer und machte mit der Gruppe Zazen, was mich von diesem Gefühl, getriebenen und auf der Flucht zu sein, befreite. Die Gemeinschaft, die Sangha, hat mich sehr schnell integriert.
Am Anfang war die Praxis sehr hart. Die Sesshins dort begannen um 4 Uhr morgens, und irgendwann war ich so fertig, dass ich nur noch heulte.
Nach meiner Rückkehr in Deutschland war ich wieder sehr zerrissen, und es dauerte eine Weile bis ich hier meinen Weg fand. Auf einem Sesshin habe ich dann meinen jetzigen Freund kennengelernt.

Stellt sich bei Dir noch das heimatlose Gefühl ein?

Eigentlich selten. Es ist mehr wie eine Erinnerung, aber das Gefühl ist nicht mehr präsent. Durch Zazen habe ich gemerkt, dass das Gefühl nicht von einem äußerlichen Ort abhängt, und dass man es nicht durch einen Ortswechsel loswird.

Wann hast Du Dich ordinieren lassen?

Es war 2006, glaube ich. Die Entscheidung, mich ordinieren zu lassen, war ein großer Schritt, weil man sich selbst eine klare Linie gibt. Die Ordination war mir schon wichtig. Durch sie wurde meine Zen-Praxis weniger beliebig. Es gibt so viele Gruppen, und vielleicht hätte ich auch in einer anderen Gruppe landen können, aber irgendwann muss man Klarheiten schaffen und sich entscheiden. Die Entscheidung zur Ordination fiel bei mir sehr spontan. Ich sah es auch als Zeichen des Vertrauens der Sangha gegenüber an. Ich wollte den Leuten der Sangha ausdrücken, dass ich zu ihnen gehören möchte. Das hat mich sehr berührt und berührt mich noch heute, wo wir darüber sprechen. Dem Zen-Weg zu folgen ist eine existenzielle Entscheidung, die mir Orientierung gibt.

Wie war es für Dich als Du schwanger wurdest und ein Kind erwartetest?

Das war nicht nur angenehm. Natürlich freute ich mich, aber ich hatte auch Angst, ob das Kind sich gut entwickelt und ob ich das gut durchstehe. Andererseits war es ganz normal und schön. Man ist zwar nicht mehr so frei, aber da entsteht eine starke Verbundenheit, eine Nähe.
Meine Kleine ist jetzt drei Jahre alt, und ich denke, dass sie auch vom Zen profitiert. Sie fährt gerne mit uns auf Sesshins, auch wenn keine anderen Kinder dabei sind. Da ist immer was los. Wir erneuern uns dabei immer wieder und bemühen uns. Das merkt sie bestimmt auch.

Dein Freund und Du, Ihr macht beide Zazen?

Wir bemühen uns schon, dass beide dazu kommen, Zazen zu machen. Man arbeitet ja nicht nur ständig an sich selbst sondern auch an der Beziehung. Da muss man sich eben mal zurücknehmen und nicht alles so wichtig nehmen. Ich kann mich schon mal in Stresssituationen reinsteigern und finde sie belastend. Dann hilft mir Zazen dabei, wieder auf den Boden zurückzukommen. Das finde ich gut.

Welchen Teil hat Zen heute in Deinem Leben?

Zen ist in vielen Bereichen meines Lebens integriert. Irgendwie hält Zen alles zusammen oder steht über allem drüber. Zen ist die religiöse Ebene in meinem Leben. Seit ich Zazen praktiziere, habe ich mir gar nicht mehr die Frage nach dem Sinn des Lebens gestellt. Früher war das ein ständiges Thema: Was mache ich hier? Warum bin ich hier? Es ist sehr befreiend, dass sich diese Fragen nicht mehr stellen.

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Frank, 39 Jahre

Wie bist zu Zazen gekommen?

Ich habe vor ca. einem Jahr Zazen kennengelernt. Aufgrund der Lektüre einer Manager-Biographie (Steve Jobs) habe ich mich mit dem Thema Buddhismus auseinandergesetzt. Dort war die Rede von einem Buch mit dem Titel „Der Geist des Zen" mit Lehrreden eines Zen-Meisters aus dem Mittelalter. Die waren für mich intellektuell nicht verständlich, nicht nachvollziehbar, was in gewisser Weise meinen Verstand herausgefordert hat, mehr darüber wissen und erfahren zu wollen. Gleichzeitig hat mir meine Frau die Teilnahme an einem Stressseminar geschenkt, das auf Achtsamkeitsübungen basiert (MBSR). Dort habe ich das erste Mal im Rahmen von kleinen Meditationsübungen erfahren, wie es sich anfühlt, wenn der Geist still ist. Das hat mir geholfen, die ersten Inhalte nachzuvollziehen und meinen Glauben an die Kraft der Meditation gestärkt.
Ich habe dann einen Ort, eine Gruppe zum Üben gesucht und bin auf eine Zen-Gemeinschaft gestoßen, in der Meditation ohne allzu viel Drumherum praktiziert wird. Seitdem praktiziere Zazen ich jeden Abend dreißig Minuten und sonntags zwei Stunden in der Gruppe.

Was beschäftigt Dich momentan besonders?

Ich habe sehr viel mit Menschen in gehobenen Managementpositionen zu tun. Dort spielen Gier und das Streben nach Profit auf Kosten anderer eine große Rolle. Ich glaube, dass wir mit dieser Leistungsgesellschaft ein Riesenproblem haben, aber ich habe den Eindruck, dass sich diese Menschen den Folgen ihres Handelns gar nicht bewusst sind und dass sie unter ihrem Tun leiden. Jetzt überlege ich, wie ich diesen Menschen nahebringen kann, dass wahrer Profit nicht nur das kurzfristige Finanzergebnis des Unternehmens ist. Langfristiger Gewinn ist nur möglich, wenn man mit seinen Partnern, den Lieferanten, den Kunden, den Mitarbeitern gut zusammenarbeitet. Ich glaube, dass ein derartiges Arbeiten auch viel befriedigender ist, als sich in kurzer Zeit nur die Taschen zu füllen.

Welchen Anteil hat Zen heute in Deinem Leben?

Seit ich Zazen in den Alltag auf diese Weise integriert habe, fällt es mir deutlich leichter, auch den restlichen Alltag hindurch Gedanken wie unnütze Sorgen, Ängste oder Ärger wahrzunehmen und ziehen zu lassen. Zazen und Zen im Allgemeinen hat auf diese Weise mein Leben verändert und stellt für mich eine Erfahrung dar, die ich auch anderen Menschen weitergebe. Meinen Mitarbeitern habe ich zum Beispiel angeboten, an einem achtwöchigen Achtsamkeitsseminar teilzunehmen, welches von der Firma finanziell unterstützt wird.

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Martine, 77 Jahre

Wie lange machst Du Zazen und wie bist Du zum Zazen gekommen?

Ich praktiziere Zazen seit mehr als vier Jahren. Seit vielen Jahren interessierte ich mich bereits für den Buddhismus. Wenn ich etwas über Buddhismus hörte, hatte ich immer den Eindruck, es ging um etwas Positives. Ich fing an, mir das eine oder andere Buch zu kaufen. Das erste Buch hatte mir damals mein Mann gegeben, es war „Siddhartha“ von Herman Hesse. Es hat mich sehr berührt, es war so anders.
Nun war ich viele Jahre sehr vom Alltag beansprucht, von meiner Familie und dem Beruf, da blieb für mich keine Zeit, keine Zeit zum Lesen oder Musikhören. Später, als ich nicht mehr arbeiten musste, bekam ich gesundheitliche Probleme. Mir ging es gar nicht gut, und ich hatte das Gefühl, dass sich etwas ändern müsste. Ich fing an, mich wieder mit dem Buddhismus zu beschäftigen und der Meditation zuzuwenden. Dabei wurde ich von meinem Mann und von Freunden unterstützt. Jemand zeigte mir, wie man meditiert, und dann hat es mich nicht mehr losgelassen. Ich hatte immer den Eindruck, dass es das ist, was mir in meinem Leben gefehlt hat.
Nach einiger Zeit hatte ich das Gefühl, dass es besser sei, nicht alleine, sondern in einer Gruppe zu meditieren. Deshalb habe ich mich umgeschaut, mit verschiedenen Leuten gesprochen und hier und da mitgemacht, aber ich blieb unschlüssig. Ich bin dann auf ein Zen-Dojo gestoßen und überlegte, eine Einführung mitzumachen. Aber weil meine körperliche Verfassung nicht gut war, hatte man mich vor der Zen-Meditation gewarnt, sie sei zu anstrengend. Schließlich bin ich doch hingegangen und geblieben.

Beim Zazen sitzt Du auf einem Hocker. War das von Anfang an so?

Ja, es geht nicht anders. Ich versuche manchmal, auf dem Kissen zu sitzen, aber das hängt von meiner körperlichen Verfassung ab.

Welchen Platz hat Zazen heute in Deinem Leben?

Zazen zieht mich mehr an, je mehr ich mich damit beschäftige. Ich weiß ja nicht, wie lange ich noch lebe, aber ich glaube nicht, dass mir etwas begegnen könnte, was ich besser fände. Es gibt sicher noch viele wunderbare Dinge, die mir gefallen würden, aber ich brauche nichts anderes. Zazen erfüllt mich einfach. Es lässt mir die Möglichkeit, an mir zu arbeiten und mich nach meinen Erfahrungen und Erkenntnissen frei zu entwickeln. Allerdings bedaure ich es, dass ich erst so spät damit angefangen habe.
Es macht mir auch Freude, mich mit der Lehre, mit den Zen-Texten tiefer zu befassen und mich damit auseinanderzusetzen. Alleine oder mit anderen. Die Sangha und die Gemeinschaft mit den anderen Zen-Praktizierenden vermittelt mir ein starkes Zuhause-Gefühl.
Zazen ist maßgebend für mein Leben geworden. Ich habe den Eindruck, Dinge klarer zu sehen und intensiver zu erleben. Zum Beispiel halte ich mich wie jeder normale Mensch an die Grundsätze des gesellschaftlichen Umgangs. Aber mir ist klarer geworden, warum. Ich nehme die Konsequenzen bewusster wahr, wenn ich aus Bequemlichkeit nachlässig handele. Auch seit ich die Bodhisattva-Ordination empfangen habe, bin ich viel motivierter, mein Handeln zum Wohle anderer auszurichten.

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André, 64 Jahre

Wie bist Du zum Zazen gekommen?

Vor fünfundzwanzig Jahren bewegte mich die große Sinnfrage. Es war die Zeit, in der ich in einem Hospiz arbeitete und täglich mit jungen Menschen zu tun hatte, die starben. Das führte mich zu Fragen über den Sinn des Lebens und des Sterbens. Jeder Mensch stirbt auf eine andere Art. Ich machte mir öfters Gedanken darüber, was für mich wichtig sein würde, wenn ich dran wäre.
Ein Erlebnis dort hatte mich sehr geprägt. Ein junger Patient starb auf eine Art, wie ich es später nie mehr gesehen hatte. Er sah dem Sterben sehr gelassen entgegen. Obwohl er große Schmerzen hatte, war er immer präsent, er war immer hier und jetzt da. Er schien den Augenblick seines Todes zu kennen oder konnte ihn gar steuern. Ich weiß es nicht. Dieser Patient hatte bei seiner Anmeldung angegeben, dass er Buddhist war. Wir konnten darüber nicht viel sprechen, weil ihm das Kommunizieren schwer fiel, aber ich hatte mitbekommen, dass der Buddhismus für ihn eine große Bedeutung hatte. Ich kannte natürlich den Buddhismus und hatte Bücher darüber gelesen. Aber nach diesem Erlebnis wollte ich mich mit ihm auseinandersetzen und von dieser Energie profitieren.
Ich hatte eine Gruppe gesucht und mit Vipassana angefangen. Anfangs war ich erstaunt und fragte mich: „Ist es nur das? Einfach nur sitzen?“ Aber dann habe ich die Wirkung bemerkt. Damals hatte ich noch gearbeitet und nur einige Kurse besucht. Später fing ich an, mir auch zu Hause Zeit für die Meditation zu nehmen. Von Anfang an war mir wichtig, keine Trennung zu machen zwischen der Zeit des Sitzens und der Zeit, in der ich etwas anderes machte.
Irgendwann hat sich die Gruppe aufgelöst, und ich praktizierte lange zu Hause alleine weiter. Aber ich merkte, dass ich die Praxis mit anderen Menschen teilen wollte und machte mich wieder auf die Suche nach einer Gruppe. Nur eins war mir damals klar: Zum Zen gehe ich sicher nicht.

Warum?

In dem Ort, in dem ich wohne, kenne ich einen Zen-Meister, der mit Zen große Geschäfte macht, Zen für Manager oder so. Das war es nicht für mich.
Ich ging eine Liste mit buddhistischen Gruppen durch. Dort stand als letztes ein Zen-Dojo. Ich war erst vorsichtig, habe dann doch eine Einführung und ein Zazen mitgemacht und mich wohlgefühlt. Dort bin ich weiterhin, auch wenn es nicht immer einfach ist.

Welche Rolle hat Zen heute in Deinem Leben?

Zen ist immer präsent. Also, ich sage mir jetzt nicht ständig, ich bin Zen-Praktizierender, aber es ist ein fester Bestandteil meines Lebens. Zen ist in meinem Handeln, in meiner Arbeit, auch wenn es für die Menschen nicht offensichtlich ist. Zum Beispiel, bevor ich einen Patienten empfange, praktiziere ich zehn Minuten Zazen, anstatt in den Akten zu lesen. Ich habe gemerkt, dass ich trotzdem noch weiß, was bei der letzten Behandlung abgelaufen ist.
In meinem Privatleben gilt das Gleiche. Mein Lebenspartner praktiziert nicht, aber er steht Zen wohlwollend gegenüber. Auch wenn es manchmal Reibungen gibt, ist für ihn klar, dass Zen das Zentrum meines Lebens ist.

Bewegt Dich heute noch die Frage nach dem Sinn des Lebens und des Sterbens?

Ich weiß nicht, ob man die Frage beantworten kann, aber für mich ist es keine Frage mehr. Man lebt und man stirbt. Es gibt Zeiten, die schwierig sind, und ein wenig kann man sie beeinflussen.
Am Anfang war ich schon ein bisschen berechnend. Ich hatte gedacht, wenn ich Zazen praktiziere, wird das Sterben leichter sein. Jetzt bin ich mir nicht einmal sicher, ob das so sein wird. Aber es ist mir eigentlich egal geworden. Jetzt lebe ich! Das Leben ist Praxis.

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Paul, 21 Jahre

Wie bist Du zum Zen gekommen?

Einfach so. Mein Vater hat mich mitgeschleppt, und ich wollte es mir interessehalber einmal angucken. Seit ich ein Kind bin, weiß ich, dass es etwas wie Zen gibt, aber ich hatte keine Beziehung dazu. Mein Vater hatte mich mal mit ins Dojo zum Zazen genommen und gesagt, wenn ich keine Lust mehr hätte, könnte ich das Dojo verlassen, aber ich müsste leise sein. Ich bin dann auch zwischendurch rausgegangen und habe dann von außen immer an die Fensterscheibe geklopft. Das fanden die anderen nicht so lustig.
Mit 19 Jahren hat mich mein Vater das erste Mal auf ein Sesshin mitgenommen. Am Anfang fand ich es schwierig, vierzig Minuten lang zu sitzen und den Kopf freizukriegen.

Was hat Dich bewogen, auf das Sesshin zu gehen?

Ich fand es interessant, weil Zen über das „Normale“ hinausgeht. Es ist nicht wie im Alltag, wo es darum geht, Geld zu verdienen oder Spaß zu haben. Es ist eine andere Dimension des Seins mit einer tiefergehenden Befriedigung. Die Thematik war interessant, auch wenn ich nicht wusste, wie es sich anfühlt. Alle sagten, dass Zazen am Anfang schwierig ist und es dauert. Ich fand es auch nicht immer angenehm, aber ich machte weiter, ohne einen Grund dafür nennen zu können. Es war so ein Gefühl, ein Bauchgefühl, das sagte: „Mach weiter“.
Na ja, und dann sitzt man und sitzt, und wenn man es dann tatsächlich geschafft hat, den Kopf freizukriegen, ist es wie ein anderer Seins-Zustand ohne Kompromisse, ohne Sorgen, ein positiv neutrales Gefühl, das einem innere Ruhe, inneren Frieden mit allem gibt. Man betrachtet die Sorgen und Probleme objektiver, und weil man sie nicht mehr so emotional betrachtet, ist die Lösungsfindung einfacher. Man nimmt sich selber und das ganze Leben nicht mehr so ernst. Das hört sich vielleicht etwas beängstigend an, aber eigentlich ist es ein gutes Gefühl. Ich glaube, man muss Zazen einfach selber erfahren, um beurteilen zu können, ob es etwas für einen ist.

Erlebst Du diesen Zustand, den Du beschrieben hast, jedes Mal beim Zazen?

Beim letzten Zazen hatte ich diesen Zustand wieder erfahren, davor nicht so richtig, weil ich die Wochen vorher viel Stress hatte. Es ist aber auch nicht schlimm, es ist nicht demotivierend, weil Zazen immer wieder anders ist.

Hattest Du etwas über Zen oder Buddhismus gelesen, bevor Du mit der Meditation begonnen hast?

Nein, mein Vater hatte mir einfach vorgeschlagen, mal mitzukommen. Aber wenn er es nicht getan hätte, wäre ich jetzt nicht hier. Von alleine wäre ich nie losgezogen, um so etwas auszuprobieren, was so weit ab vom alltäglichen Denken ist.

Du praktizierst Zazen auf Sesshin-Wochenenden. Machst Du auch Zazen zu Hause oder im Dojo?

Im Alltag schaffe ich es überhaupt nicht, Zazen zu praktizieren. Abgesehen von meinem Vater haben meine Freunde und Kollegen nichts mit Zen zu tun. Für sie ist es wie eine ferne Dimension, was ich schade finde. Aber ich habe mich in meiner Stadt umgehört, es gibt wohl eine Gruppe. Da werde ich versuchen, wenigstens einmal die Woche zu sitzen. Vielleicht gelingt es mir damit, Zazen mehr in den Alltag zu bringen und nicht nur so „inselmäßig“ alle paar Monate auf einem Sesshin zu praktizieren.

Wie gehst Du mit Schmerzen während Zazen um?

Ich finde die körperlichen Schmerzen nicht so schlimm. Für mich ist es schwieriger, den Kopf freizukriegen und einfach zu sitzen, ohne dass ich von den Gedanken ganz unruhig werde. Wenn dann zu dieser geistigen Anspannung ein körperlicher Schmerz dazukommt, kann er schon mal wie der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Aber eigentlich ist es für mich schwieriger, meine Gedanken zu beruhigen und Abstand zu ihnen zu bekommen. Schmerzen kann ich ganz gut ertragen. Wenn ich mich entspanne, dann gehen sie auch wieder. Und umso mehr Dehnübungen ich mache, desto seltener erscheinen sie.
Zazen ist für mich schon eine Herausforderung. Ich muss mich darauf einlassen, auch wenn mein geistiger oder körperlicher Zustand nicht immer optimal ist. Manchmal sage ich mir währenddessen: „Komm, Du ziehst das jetzt durch.“. Dann versuche ich mich zu entspannen und alles gelassener zu sehen. Ich habe mit der Zeit auch gelernt, mit körperlichen Schmerzen umzugehen, sie zu akzeptieren und nicht immer ein Drama draus zu machen.
Ich setze mich auch in den gaitan (Vorraum des Dojos), weil es für mich entspannter ist, wenn ich mich dann doch mal bewegen muss. Dann werden die anderen im Dojo davon nicht gestört.

Was würdest Du einem Deiner Freunde sagen, wenn er Dich auf Zazen ansprechen würde?

Ich würde ihm sagen, wenn er Interesse hat, einfach Zazen ausprobieren, ohne irgendwelche Vorurteile. Manche Menschen meinen, Zen hätte was von einer Sekte, wäre steif oder traditionell. Aber genau das ist es eben nicht. Ich war am Anfang skeptisch oder eher voreingenommen, aber eigentlich war Zazen entspannter und nicht so streng, als ich vorher dachte.
Die meisten Leute stehen der Zen-Praxis doch recht distanziert gegenüber und haben Vorurteile, weil sie irgendwo etwas gehört haben. Es wäre schade, wenn es sie davon abhielte, selber die Erfahrung zu machen. Was hat man schon zu verlieren?

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Sabine, 49 Jahre

Seit wann praktizierst Du Zazen und wie bist Du dazu gekommen?

Ich praktiziere seit mehr als zwanzig Jahren. Damals wusste ich nicht viel über Zen oder Buddhismus und hatte auch kein Bedürfnis zu meditieren. Ich hatte einen Freund, der Kampfsport machte und eines Tages anfing, Zazen zu praktizieren. Eines Tages fragte ich ihn: „Was macht ihr denn da beim Zazen?“ Er antwortete: „Auf einem Kissen sitzen, auf die Wand gucken, schweigen und sich nicht bewegen.“ Für mich war diese Antwort völlig absurd. Wozu soll man sich freiwillig zweimal vierzig Minuten bewegungslos vor die Wand auf ein Kissen setzen? Das passte überhaupt nicht in mein Weltbild.
Aber mein Freund machte weiter, ohne dass er mir erklären konnte, warum. Das machte mich neugierig, und ich ging zu einer Einführung ins Dojo. Außerdem war es damals schick, Zen zu sein. Daher ging ich weiter ab und zu ins Dojo zum Zazen.
Später wurde mein Leben unruhig. Aufgrund verschiedener Umstände war ich unzufrieden und gestresst. Da merkte ich auf einmal, dass ich zumindest während Zazen zur Ruhe kam. Wenn ich auf dem Kissen saß, legte sich allmählich die ganze Aufregung des Alltags, und ich konnte irgendwie wieder richtig durchatmen und mich erholen. Nach dieser Erfahrung hat es mich dann gepackt, und ich fing an, wirklich regelmäßig Zazen zu praktizieren.

Wie hat sich Dein Leben durch Zazen geändert?

Zazen ist irgendwie zum Fundament meines Lebens geworden. Ich fühle mich weniger getrennt. Meine Sichtweise auf die Welt, auf mein Leben hat sich verändert. Eines Tages erkannte ich zum Beispiel, dass ich sehr unter Veränderungen in meinem Leben litt. Ich versuchte, mein Leben stabil zu halten und meine Besitztümer abzusichern. Es war so, als versuche man in einem Fluss einen Damm zu bauen, der dem strömenden Wasser gar nicht standhalten kann.
Anstatt also immer gegen etwas zu arbeiten, habe ich versucht zu lernen, mit dem Strom zu schwimmen. Anstatt zu jammern, wenn mir jemand meine Sandburg kaputtmacht, gehe ich einfach weiter. Sandburgen können nun mal kaputtgehen, genauso können Beziehungen in die Brüche gehen, die Firma, in der man arbeitet, kann pleitegehen oder man kann krank werden. Nichts ist normaler als Veränderung, dennoch stemmt man sich dagegen. Oft sehe ich Menschen, die leiden, weil sie Veränderungen nicht akzeptieren können. Ich versuche dann, „ihnen Schwimmen beizubringen“, also ihnen zu helfen, Veränderungen anzunehmen und Mut zu haben, ihr Leben neu auszurichten.
Ich glaube auch, dass mein Leben durch Zazen friedlicher geworden ist. Weil ich mich selbst nicht mehr so wichtig nehme, bin ich gelassener geworden. Jedenfalls tut es mir und den Menschen in meiner Umgebung gut. Eigentlich wünsche ich allen Menschen, dass sie die Gelegenheit finden, Zazen zu praktizieren und diese Erfahrung des inneren Friedens selber machen können.

Du hast mit Zazen angefangen, weil Du neugierig warst. Ist Deine Neugier gestillt?

Nein, überhaupt nicht! Zazen praktizieren ist wie reisen. Man macht sich auf den Weg, und der Weg geht immer weiter. Es ist so, als wäre ich kontinuierlich unterwegs. Ich habe einiges gelernt, über mich, über die Welt, über die Zusammenhänge von allem, aber ich glaube, dass es mit der Zazen-Praxis noch unendlich viel zu entdecken gibt.

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