Sesshin auf der Wartburg

Hoch über den Bodensee liegend, der Blick ins Unendliche gerichtet, der Geist wird auto- matisch gross und weit – ideale Voraus- setzungen für einen neuen Sesshinort und einen Neuanfang im Dreiländereck Deutschland, Österreich und Schweiz.

Nicht nur der Blick auf den See war das Spezielle an diesem Ort, sondern auch die Topografie. Zu oberst auf dem Hügel lag das Haupthaus mit Küche, Speisesaal und den Zimmern auf 4 Etagen und noch mehr Treppen verteilt. Darunter – ganze 128 Treppenstufen in der Tiefe im Wald - lag das Dojo, das sog. Waldhaus. Morgens und abends war es für mich ein besonderes Naturerlebnis diese Stufen hinab in den Wald zu steigen. Schnell kam auch der Beiname „Fitness-Sesshin“ auf, denn gerade Shusso, Organisator oder ich (Tanto), klommen diese Treppen sehr oft hinab und hinauf. Aber nach soviel Sitzen tat dies richtig gut.

 

  Mehr als zwei Jahre brauchte es, um die von der schweren Krankheit und dem Tod Meister Michel Bovays schockierte Sangha und die daraus resultierenden Querelen in und um das Dojo Zürich wieder zusammenzuführen.

  Klar war: Die Lücke, welcher der Tod unseres verehrten Meister Michel Bovays Tod gerissen hatte, würde nicht so schnell geschlossen wer- den. Viele verliessen die Sangha nach seinen Tod enttäuscht, einige konzentrierten sich jedoch auf die Essenz - Zazen - und machten weiter.

  Schnell wurde auch deutlich, wollten wir uns nicht isolieren und im eigenen Saft schmoren, dass wir nur zusammen und gemeinsam weiter gehen können. Nach gegenseitigen Dojo- besuchen und Organisation von Zazentagen wurde ebenfalls schnell fühlbar, dass es nur mit einer Öffnung der Sangha und mit einem gemeinsamen Sesshin fruchtbar weitergehen könne.

  Da sich die Dojoverantwortliche in Dojo Zürich trotz unzähliger Anfragen an ein Gespräch, weigerte, sich mit uns an einen runden Tisch zu setzen und das obwohl Meister Michel Bovay uns vor seinem Tod eindrücklich ermahnte, in jedem Falle gemeinsam weiter zu praktizieren, trafen sich die anderen Dojoverantwortlichen, um gemeinsam in die Zukunft zu gehen.

  Da ich schon, während Michels schwerer Krankheit, das Bedürfnis hatte, mit einem Meister und einer harmonischen Sangha zu praktizieren, besuchte ich die Sesshins in St.George und Le Vallon, die beide von Meister Roland Rech geleitet wurden. Hier wurde ich von der Sangha und Roland sehr willkommen geheissen und auch später in den schwierigen Zeiten von Meister Roland Rech unterstützt. So wurde schnell deutlich, dass Roland der ideale Godo für ein neues Sesshin zum Neuanfang war.

  Viele hatten anscheinend genau auf diesen Moment gewartet, denn 70 Personen kamen zu diesem ersten Sesshin Wartburg und die Atmosphäre war vom ersten Moment an voller Be- geisterung und Elan. Soviel Energie und guten Willen hatte ich noch nie erlebt bei einem Sesshin. So standen beim Abschlusssamu mehr Leute zur Verfügung, als es eigentlich brauchte und nach der Hausübergabe gingen wir noch mit mehr als 30 Personen gemütlich, als gemein- samen Abschluss, einen Kaffee am See trinken. So gross war das Bedürfnis nach gemeinsamer Praxis.

  Viele alte Schüler Michels kamen zusammen, aber auch, was mich genauso freute, viele Praktizierende, die eher anderen Godos folgen. Am stärksten waren die Dojos von Konstanz, St. Gallen, Bern, Buchs, Bregenz und natürlich als stärkste Fraktion Basel vertreten, denn schliess- lich organisierten wir ja das Sesshin. Von An- fang an herrschte eine tiefe Atmosphäre im Dojo, kein Wunder bei so vielen erfahrenen Nonnen und Mönchen. Das Schöne aber war für mich die Freude an der Praxis zu spüren, die so deutlich fühlbar war. Die Alten hatten sich also ihren Anfängergeist bewahrt.

  Um so schöner war für mich zu sehen, dass gerade die Sesshins, die ausserhalb eines Tempels stattfinden, immer noch diese besondere Energie haben, die mich einst zur AZI Sangha führten. Uns allen ist, und wir sprachen auf diesem Sesshin viel darüber, das Leben und Praktizieren in der Gesellschaft wichtig. Wir verstehen die Aufgabe des Bodhisattvas als Praxis und Gutes- Tun in der Gesellschaft als Teil davon. Wie Meister Deshimaru einst forderte, morgens ins Dojo gehen, Zazen praktizieren und dann hinaus in das soziale Leben und Grosses tun. Das ist manchmal sehr anstrengend, als Altenpfleger,Lehrer, Arzt, Strassenbahnfahrer oder Psychotherapeut so zu leben, inmitten der Gegensätze. Gerade in diesen Zeiten, wo die Praxis nicht einfach ist. Aber wer sonst soll es tun, wenn nicht wir. Manchmal hat man allerdings den Eindruck in der AZI, dass diese Bodhisattvas nicht mehr so wichtig sind, wichtiger sind erfahrene, auf Angos geschliffene Mönche und Nonnen, die die Formen und Rituale beherrschen. Hanspeter Egloff, der Dojoverantwortliche von St. Gallen, ein alter Schüler von Meister Deshimaru und von Michel Bovay, fragte im Mondo, ob die AZI vergessen habe, dass die Dojos und ihre Verantwortlichen die Pfeiler der Sangha seien? Das sei bei Meister Deshimaru anders gewesen. Deshalb nehmen wir gerne die grosse logistische Anforderung auf uns, einen mobilen Tempel auf- und abzubauen.

  Meister Roland Rech war genau der richtige Godo für unser Sesshin. Ist er doch selber ein Mönch, der mitten in der Gesellschaft lebt und jedes Wochenende zur Sangha hinausfährt, um die Dojos und die Sangha dort „draussen“ zu unterstützen. Mit seiner ganzen Erfahrung leitete er dieses unvergessliche Sesshin und legte damit den Grundstein für den viel- versprechenden Neuanfang. Dafür bedanke ich mich recht herzlich bei ihm. Ein letzter Satz noch, den Roland auf dem Sesshin zu mir sagte und der mich seitdem begleitet: „Vergesst das Alte, schaut nach vorne in die Zukunft.“

  Ein Neuanfang der genauso weit und offen sein soll, wie der Blick auf den See von der Wartburg aus. Über die Dojogrenzen, die Zugehörigkeit zu einem Meister, über ein besonderes Zen (Gibt es das überhaupt? Oder ist Zazen nicht universell und eben nicht speziell) hinausgehen, das wäre sehr schön. Über die Begrenzungen des menschlichen Geistes hinausgehen, wie es im Hannya Shingyo heisst – gya tei .... Bedanken möchte ich mich neben Roland Rech auch bei den Dojoverantwortlichen der Tri- nationalen Sangha, die mit ihren Mitgliedern dem Basler Dojo, das die Hauptarbeit geleistet hat, sehr geholfen haben, und bei meinem Dharma-Freund Michel Ayguesparse, der uner- schrocken mit mir das erste Mal ein Sesshin organisiert hat.

Volker Gyokiri Herskamp

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