Eintauchen in das Leiden der Welt

Isolde Schnorbach, Dojo Trier

Seit 01.11.2019 lebe ich in einem neuen Wohnkomplex mit 40 Wohneinheiten. Lange habe ich nach einer bezahlbaren Wohnung im Alter gesucht in Trier. Aber wegen der Nähe zum reichen Land Luxemburg ist es wie andernorts schwer eine bezahlbare Wohnung im Alter zu bekommen. Ich hatte Glück (die Wohnungsbaugenossenschaften haben lange Listen von BewerberInnen) und wurde, nachdem ich mich darum beworben hatte, als Mitglied einer Wohnungsbaugenossenschaft angenommen und bekam eine Neubauwohnung mit lebenslangem Mietrecht in einem Projekt zugewiesen, dass sich das nachbarschaftliche Miteinander zum Ziel gesetzt hat.

In dem Mietkomplex der von den Bewohnern am 01.11.19 und am 01.02.20 bezogen wurde ist ein Drittel der Bewohner aus Trier-Nord (das vor einem Jahrzehnt noch den Ruf der "Bronx" von Trier hatte, also ein Problem-Viertel), ein Drittel der Bewohner hat einen Migrationshintergrund, ein Drittel sind Leute, die aus anderen Stadtteilen bzw Landesteilen kommen. Das integrative und generationenübergreifende Konzept zeigt sich auch beim Blick auf das Alter: 16 Kinder und Jugendliche leben unter dem mit Solarpanels bestückten Dach, ebenso wie 17 Senioren über 65 Jahren. In den 37 barrierefreien Wohnungen sind 20 Menschen mit Behinderung zu Hause. Zum Haus gehört ein Bewohnercafe, das ein Treff für die Bewohner sein soll. Neben den objektiven Vorteilen für mich reizte mich das "Eintauchen" in ein Projekt, dass das Wohl benachteiligter Menschen zum Ziel hat und das nachbarschaftliche Miteinander.

Einige Monate später und unter den Bedingungen von Covid-19 zeigte sich, dass Wohnprojekte, trotz guter Absichten für ihre BewohnerInnen, trotzdem auch viele Probleme bringen können.  Ich glaubte ich könnte mit Hilfe meiner Praxis von Zazen und meiner Reife eine "Brücke sein" für viele Menschen im Haus. Aber ich musste in den ersten Monaten feststellen, ich bin in einen "See des Leidens" eingetaucht und muss aufpassen, dass ich nicht selbst in den "See des Leidens" falle, indem ich wie viele hier unzufrieden werde über dies und jenes, was nicht genügt. Wie heißt es noch in den Bodhisattva-Gelübden:
"Unerschöpflich sind die leidschaffenden Täuschungen", hier erfahre ich real was damit gemeint sein könnte.

Nachdem ich eine Phase der Ernüchterung überwunden habe,  bin ich wieder optimistisch und pflege den Kontakt zu den Menschen, die ihr Bestes geben zum Gelingen des Wohnprojektes. Es war wohl auch meine Arroganz und wegen meiner hohen Erwartungen an das Projekt, die mich zwischenzeitlich zweifeln lies am Projekt, am Umzug.

Shundo Aoyama schreibt in "Pflaumenblüten im Schnee"1: Wir müssen unsere Roben ablegen und uns mitten in die Welt begeben - wir müssen mit den Menschen weinen, leiden und lachen. Dann bekommen sie ganz allmählich ein Bewußtsein vom Dharma, vom Wahren Weg, und fühlen sich davon angezogen."

In Wirklichkeit erhalte natürlich auch ich ständig Hilfe beim Hinüberkommen über die "Brücke" über den „See des Leidens“.

 

1 Shundo Aoyama (2002) Pflaumenblüten im Schnee – Aufzeichnungen einer japanischen Zen-Meisterin. Theseus-Verlag.

 

Um das Haus herum und auf den Loggias sind bunte Blumenbeete, die die Insektenvielfalt fördern, willkommen.

103670153 3688762134483650 8091879010862633825 o Loggia mit Pflanzen für Insekten

106581071 3749008851792311 1424668197838514466 o 1  Hummeln sind nützliche Insekten beim
Bestäuben von Tomatenpflanzen

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Insektenfreundliche Bepflanzungen vor dem Haus

Tags: NL31

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