Conférence TEDx

Transkript des TEDx-Vortrags von Bart Weetjens, gehalten in München am 18.11.2018 :

Guten Tag allerseits,

wenn ich heute das Etikett « Akteur des sozialen Wandels » trage, dann wegen einer Initiative, die ich vor 20 Jahren ins Leben gerufen habe: Als Reaktion auf das weltweite Landminenproblem habe ich damit begonnen, Ratten zu dressieren, die dann Landminen aufspüren sollten, um Menschenleben zu retten.
Was als verrücktes Forschungsprojekt begann, ist mittlerweile eine internationale NGO geworden mit unglaublichen Auswirkungen in südlichen Ländern : Bis heute konnten über 1 Million Landwirte  in ihre Dörfer zurückkehren und wieder vom Ertrag ihrer Felder leben, und das dank der « Heldenratten », die ihnen das Leben gerettet haben.
Aber wovon ich heute sprechen will, hat weder mit Ratten, noch mit Landminen zu tun. Ich will heute von der Schattenseite des sozialen Wandels sprechen, über seine Akteure im Allgemeinen, darüber, wie wir uns selbst gegenüber eingestellt sind und auf welche Weise wir uns in den gesellschaftlichen Wandel einbringen.

Wenn ich auf die 20 Jahre Projektarbeit zurückblicke, so war es eine anstrengende Reise, bei der ich hart gegen mich selbst und mein Team großem Druck ausgesetzt war, um unser Versprechen einer besseren Welt einzulösen. Und obwohl wir die friedlichsten Absichten verfolgten, empfanden wir diese Reise als einen ständigen Kampf, als eine permanente Anstrengung.
Wir haben unter ständigem operationellem Druck gearbeitet, hatten Druck von Seiten der Spender, durch Knappheit der Mittel und hatten mit Personalfluktuation, mangelndem Engagement und Burnouts unserer Mitarbeiter zu kämpfen.
Sozialer Wandel hat mit Innovation, mit Strategie, Auswirkung, Skala zu tun und fordert von den Initiatoren rund um die Uhr fast übermenschliche Leistungen.
Über diesen Druck hinaus gilt es fast als selbstverständlich, dass wir « besessen » von unserer Idee zu sein haben.
Aber ist « Besessenheit » nicht ein psychiatrisches Syndrom?
Versuchen wir, die Probleme der Welt auf die richtige Weise zu lösen?
Wäre es möglich, dass wir unbewusst unseren Ärger, unsere Ängste und unsere inneren Schwierigkeiten in unsere Handlungen in der realen Welt tragen und so vorantreiben, was wir verzweifelt versuchen zu besiegen?
Mit anderen Worten : Was ist das Verhältnis zwischen innerer Entwicklung und der Qualität und Effizienz unseres gesellschaftlichen Handelns.

Einige von uns, die mit sozialem Wandel zu tun haben, bemerkten eine unterschwellige Bedrohung, auf die reagiert werden musste. Das veranlasste einen von uns dazu, sich auf Ashoka einzulassen, eines der wichtigsten Netzwerke in Sachen gesellschaftlicher Wandel, um sich diesem Problem zu widmen, was zu Interviews mit weltweit 50 Leitfiguren des sozialen Wandels führte.
Diese Untersuchung ergab, dass die große Mehrheit dieser Personen sich noch nie die Zeit genommen hatten um an sich selbst zu arbeiten. Sie hatten bis zum Umfallen gearbeitet unter Vernachlässigung nicht nur ihrer eigenen Bedürfnisse, sondern auch derjenigen ihrer Familie und manchmal sogar der Bedürfnisse ihrer Organisationen.
Die meisten von ihnen überidentifizierten sich mit ihrer Arbeit. Und häufig kursierten Legenden von Heldentum, Aufopferung und Martyrium über sie. Ihre Arbeit war zu ihrer Daseinsberechtigung geworden und sie hatten ihr persönliches Wohlergehen einer Heldenrolle auf der Bühne des Lebens geopfert.
Oftmals war der Ausgangspunkt ihrer unternehmerischen Reise auch ein persönliches Trauma.
Und während das breite Publikum ihrem Heroismus, ihrer Innovationskraft und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft applaudierte, hatten diese Menschen nicht gelernt, mit ihrem Trauma umzugehen, geschweige denn mit ihrer persönlichen Verletzbarkeit.Trotz der Offensichtlichkeit dieser Trends gab es nicht genügend Anhaltspunkte, um daraus Entscheidungen auf diesem Gebiet abzuleiten oder um Unternehmenskultur gesunder zu machen.

Dennoch lösten diese Trends in diesem Bereich ein lebhaftes Interesse aus, tiefer in die Materie einzudringen und wichtige Vorreiter im Bereich sozialer Innovation wie Ashoka, Impact Hub, Synergos, Skoll Foundation, Fetzer- und Esalen-Institut schlossen sich zusammen um gemeinsam « The Wellbeing Project » (Projekt des Wohlbefindens) zu gründen als ernsthaften Versuch,
- die Kultur auf dem Gebiet des sozialen Wandels empathischer und fürsorglicher zu machen

- auf den enormen Bedarf an persönlicher Unterstützung der Akteure des sozialen Wandels zu reagieren

- die Beziehung zwischen Persönlichkeitsentwicklung und sozialem Wandel zu untersuchen

- den Bedarf an Infrastruktur für die Unterstützung in diesem Bereich zu erforschen

Durch diese Initiative ermöglichte « The Wellbeing Project » einen neuen Blick auf sozialen Wandel, nämlich von innen nach außen, unbedingt von innen ausgehend.

80 erfahrene Social Entrepreneurs (« sozial engagierte Unternehmer ») zwischen 35 und 65 aus 45 Ländern der ganzen Welt wurden ausgewählt, um an einem hochwertigen 18-monatigen Programm teilzunehmen, bestehend aus 3 Auszeiten, geleitet von ausgezeichneten Moderatoren, mit individuell zugeschnittenem Programm zur Persönlichkeitsentwicklung, Weisheitslehrern und peer learning

In vier 20er-Kohorten durchliefen sie anderthalb Jahre Programm, in dem ihre innere Entwicklung im Mittelpunkt stand.

In jeder Kohorte gab es  auch Forscher, die Daten im Rahmen einer Studie zur Evaluierung der Entwicklungen sammelten, um die Verbindungen zwischen Persönlichkeitsentwicklung und der Qualität und Effizienz des sozialen Wandels zu erforschen.

Mittlerweile gibt es eindeutige Beweise für eine enge Beziehung zwischen diesen beiden.  Hierdurch hat das Wellbeing Project die Grundlage für ein völlig neues Forschungsfeld geschaffen.

Und es gibt noch so viel mehr zu entdecken. Allein die Veränderungen im persönlichen und Arbeitsumfeld der Teilnehmer, die wir beobachten konnten, sind außerordentlich :

- im Allgemeinen wurden die Teilnehmer ausgeglichener, nahmen ihre persönlichen Bedürfnisse wahr und hörten auf sie, was ihr Wohlbefinden und ihre Gesundheit verbesserte

- diese Erfahrung übertrugen sie: auf ihre Beziehung zur Arbeit, indem sie genügend Platz für Familie und Erholung ließen ; auf ihre Arbeitsumgebung, indem sie lernten, die Leitung ihrer Organisation horizontaler zu gestalten, zu delegieren und ihren Mitarbeitern mehr Vertrauen zu schenken

- sie schafften es, präsenter im Hier und Jetzt und zugänglicher zu sein und besser zuzuhören

-sie bezogen emergent learning,  kooperative und holokratische Modelle in ihre Organisations-kultur ein

Das hatte stärkere Motivation bei den Mitarbeitern zur Folge, das Personal war glücklicher und die Personalfluktuation ging zurück, was alles zur Nachhaltigkeit ihrer Arbeit beitrug.

Beginnt wirklicher, dauerhafter Wandel vielleicht in einem jeden einzelnen von uns ?

Oder, mit den Worten des türkischen Sufidichters Rumi :

« Gestern war ich klug und wollte die Welt verändern.

Heute bin ich weise und möchte mich verändern. »

Die Herausforderungen, denen sich die Menschheit stellen muss, um weiterhin im Wohlstand auf einem dauerhaften Planeten leben zu können, sind vielfältig, komplex und dringlich. Aber wir können es uns nicht erlauben, die Hoffnung aufzugeben.
Ich behaupte, dass ein Schritt in Richtung inneren Wohlbefindens der am meisten erfolgversprechende Ansatz zur Lösung der dringenden sozialen und ökologischen Probleme ist. Weil inneres Wohlbefinden zu richtigem Handeln inspiriert.

 

Eric Tcheou Bouddhism 5

 

 

Tags: NL27

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