Die vier Siegel des Dharma

Unterweisung von Claude É Mon Cannizzo – Juli 2020

Der erste Aspekt des Achtfachen Pfades ist das richtige Verständnis, oder auch die richtige Sicht. Richtiges Sehen und Verstehen ist unerlässlich. Dazu müssen wir die Dinge tiefer betrachten als mit der gewöhnlichen Sichtweise. So als würden wir haargenau untersuchen, was betrachtet wird, indem wir nicht nur die sichtbaren Aspekte  sehen, sondern alle Aspekte der Existenz einer Sache.

  1. Alle zusammengesetzten  Phänomene sind unbeständig.
  2. Alle zusammengesetzten Phänomene sind Leiden.
  3. Alle zusammengesetzten Phänomene sind leer von einem Selbst
  4. Nur  Nirwana ist Frieden.

 

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Zunächst müssen wir verstehen, was ein "zusammengesetztes Phänomen" ist.

Alles, was  auftaucht ist zusammengesetzt. Da es erschienen ist, wird es benannt. Was benannt wird,  ist auf das begrenzt, was es darstellen soll. Nehmen wir einen Stuhl, der  aus mehreren Holzstücken gefertigt ist. Wird der Stuhl  in zwei Hälften gesägt, verliert er seinen Nutzen und ist kein Stuhl mehr. Jedenfalls kann er  nicht mehr Stuhl genannt werden. Jemand Nahestehendes, ein menschliches Wesen, ist ebenso ein zusammengesetztes Phänomen, das lebendig ist. Wird es in zwei Teile geschnitten, kann es nicht mehr leben, da es nur in seiner Gesamtheit lebendig sein kann. Noch näher, aber diesmal unsichtbar: auch unser Geist ist ein zusammengesetztes Phänomen, da er aus verschiedenen Bewusstseinsmomenten zusammengesetzt ist, aber keines davon allein ist der Geist selbst.

Zusammenfassend können wir sagen, dass ein zusammengesetztes Phänomen seine Identität verliert, sobald es zerschnitten und zerlegt wird.

Dahingegen kann ein nichtzusammengesetztes Phänomen nicht zerlegt werden. Zum Beispiel  der Raum. Ganz gleich, wie sehr man versucht, ihn zu halbieren, er wird immer Raum bleiben. Es verliert seine Identität nicht, denn er kann nicht zerlegt werden. Versuchen wir Wasser, das materieller ist,  zu halbieren,  werden aber nicht eine Seite und eine andere Seite übrig bleiben.  Um genauer auf das Thema der vier Siegel einzugehen: Auch das Nirwana ist ein nichtzusammengesetztes  Phänomen, da es weder im Raum enthalten noch zeitlich begrenzt sein kann.

Zusammenfassend können wir sagen, dass  ein nicht zusammengesetztes Phänomen seine Identität nicht verliert...

 

1. Alle zusammengesetzten  Phänomene sind unbeständig

Alles, was geboren wird, ist dem Untergang geweiht. Alle Phänomene sind zusammengesetzt und daher unbeständig. Nichts ist ewig, ob es nun unser Körper in seinem Alterungs- und Abbauprozess ist oder der Geist mit seinen Abfolgen von Gedanken,  die in jedem Augenblick auftauchen und verschwinden. Selbst die Welt wird eines Tages verschwinden, mit der Zeit wird schließlich alles verschwinden.

Es gibt zwei Aspekte der Unbeständigkeit:

  • Die sichtbare Unbeständigkeit, die der Tatsache entspricht, dass Dinge und Wesen mehr oder weniger schnell oder langsam durch den Prozess des Verfalls  oder, was die Menschen betrifft, des Alterns und  durch Krankheit verschwinden. Es ist eine  Unbeständigkeit,  die als eine spürbare Veränderung im Alltag wahrnehmbar ist.

  • Bei der  nichtsichtbaren Unbeständigkeit, die mit unseren Sinnen nicht wahrnehmbar ist, findet die Veränderung in einem sehr langsamen Prozess statt. Sie dauert in der Gegenwart scheinbar ohne Verwandlung an, wie zum Beispiel bei einem Berg oder einem Kontinent, wobei Veränderung stattfindet, auch wenn sie nicht wahrnehmbar ist.

    Einige Aspekte der Unbeständigkeit können wir akzeptieren, wie z.B. den Wetterwechsel von Regen zu Sonnenschein... Andere Dinge, wie das menschliche Altern können wir nur schwer akzeptieren. Die  Vergänglichkeit ist im Lauf der Zeit  wahrnehmbar und der Verwandlungsprozess  zeigt, dass unser Leben früher oder später zu einem Ende kommen wird.

    Dazu sagte Buddha:

    « Die meisten Menschen vergessen,
    dass sie eines Tages sterben werden.
    Bei denjenigen, die daran denken,
    ist der Kampf entschärft».

    Wenn wir "zusammengesetzt " meinen, schließt dies lediglich die Dimension von Zeit und Raum ein. Zeit ist wie ein Phänomen zusammengesetzt und daher vergänglich. Die Gegenwart existiert nicht ohne die Vergangenheit und die Zukunft. Wenn der gegenwärtige Moment dauerhaft wäre, gäbe es keine Zukunft. Während Zazen sind wir aufgefordert in der Gegenwart zu leben. Dies schließt die Vergangenheit und die Zukunft nicht aus, aber sie existieren nur in Bezug auf die Gegenwart, die selbst vergänglich ist.

    2) Alle zusammengesetzten Phänomene sind Leiden (dukkha)

    Die Unterweisungen des Zen-Buddhismus wirken oft verwirrend und störend, vor allem was Dukkha, das Leiden, betrifft. Wir müssen verstehen, was man unter « alle zusammengesetzten Phänomene sind Leiden » versteht.  Es bedeutet, dass in allem, was gelebt wird, auch Leiden steckt. Sowohl die Arten des Leidens als auch der Grad sind sehr unterschiedlich

    Die erste der "Vier edlen Wahrheiten" verstehen.

    Für jeden, der die Augen öffnet, ist die Realität des Leidens sichtbar.  Buddha gibt uns  alltägliche und reale Beispiele, wie Krankheit, Alter, Tod. Die Übersetzung des Sanskritwortes Dukkha mit „Leiden“ ist begrenzt und unvollständig, denn zu Dukkha gehören auch Empfindungen, Emotionen, Frustrationen. Sie sind  ebenfalls Teil des Leidens. Zum Beispiel, mit Dingen und Wesen verbunden zu sein, die wir nicht mögen, oder ihr Gegenteil, von Dingen und Wesen getrennt zu sein, die wir mögen. Oder nicht zu erhalten, was wir wünschen und zu haben, was wir nicht wünschen usw.

    Leiden kann in seiner Intensität und Art variieren. Von einem Mückenstich bis zu einem Hundebiss. Oder eine Emotion, wie z. B. Eifersucht oder Wut, die ebenfalls als schmerzhaft empfunden wird.

    Aber was ist mit angenehmen Emotionen wie der Liebe? Wir empfinden die Liebe nicht als schmerzhaft. Warum ist sie schmerzhaft?
    Buddha sagt, dass kein Moment der Existenz völlig frei von Schmerz und Leiden ist.

    Es gibt verschiedene Arten von Leiden

    Das körperliche Leiden, wie wir es kennen, wenn wir uns ein Bein brechen oder uns in den Finger schneiden… oder geistiges Leiden, Angst, Depression, das Gefühl des Verlusts oder der Verlassenheit… Diese Leiden sind unvermeidlich, sie tauchen früher oder später durch Krankheit oder Altern auf.

    Der Schmerz der Veränderung.

    Buddha sagt nicht, dass es kein Glück gibt, aber er sagt, dass es in diesem Zustand des Glücks ein verborgenes Leiden gibt, nämlich das Leiden der Unbeständigkeit. Wenn jemand, den wir lieben, sterben würde, oder wenn das Leben uns von ihm trennen würde, wäre das ein großes Leid. Wir haben es wahrscheinlich alle schon erlebt. Wir wissen es tief in unserem Inneren, auch wenn wir uns weigern, die Möglichkeit zuzugeben. Es ist das Leiden, das mit der Unbeständigkeit verbunden ist.

    Das Leiden an den drei Giften des Geistes :

    Begierde und Eifersucht, Hass und Ärger und Unwissenheit. Sie erzeugen Leid für uns  selbst und für andere. Die meiste Zeit sehen wir das nicht als Leiden an. Es braucht eine regelmäßige Zazen-Praxis, um dies zu erkennen, und das Befolgen des Achtfachen Pfades kann diese Leiden beheben.

    3) Alle zusammengesetzten Phänonene sind leer

    Kein Phänomen hat eine eigenständige Existenz. Kein Phänomen existiert  unabhängig von anderen Wesen oder Dingen im Universum. Alle Phänomene sind mit allen anderen Phänomenen in wechselseitiger Abhängigkeit  verbunden.  Zahlreiche  Elemente fließen in die Existenz einer Sache ein, alles geschieht in Wechselwirkung mit dem Rest der Welt.

    Wenn wir eine Pflanze betrachten, sehen wir nur die Pflanze. Aber damit die Pflanze existieren kann, müssen wir auch die Erde, das Wasser des Regens, und davor die Wolke und den Ozean sehen, aus dem das Wasser verdunstet ist. Der Wind, der die Wolke bewegt hat und die Sonne, von der die Energie stammt... Dieses Bild zeigt uns, dass alles in Abhängigkeit existiert! Dies betrifft selbst den  Buddha, zwischen dem Zustand des Erwachens und dem Weg...

    Die "Leere" ist das Bindeglied zwischen den Phänomenen, ein "Null"-Raum zwischen den Phänomenen, der ihnen den Eindruck einer konkreten Existenz verleiht, ohne den Raum zu sehen, der ihre gegenseitige Abhängigkeit ausmacht. Wenn eine "unwissende" Person etwas sieht, hält sie es für wirklich existent, aber eine erwachte Person lässt  sich nicht in die Irre führen. In der Mittleren Abhandlung  sagt uns Nagarjuna:


    « Wir bezeichnen als Leerheit,
    was in Abhängigkeit in Erscheinung tritt.
    Dies ist eine abhängige Bezeichnung.
    Es ist der Weg der Mitte.

    Da es kein Phänomen gibt,
    das nicht aus der Abhängigkeit entstanden wäre,
    gibt es kein Phänomen,
    das nicht leer ist»

  • 4) Nur das Nirwana ist jenseits der Extreme

    « Alles ist unbeständig, alles ist zum Verschwinden verurteilt, wir sind zum Leiden verdammt und unsere Existenz ist nur eine Illusion. »

    Dieses vierte Siegel ist dazu da, um nicht zu "deprimieren". "Es erinnert uns daran, dass es etwas "Positives" in all dieser buddhistischen "Negativität" gibt. Das Nirwana ist jenseits von Zeit. Anstatt also unsere Hoffnungen und Träume in Dinge zu setzen, die zu dieser trügerischen und illusorischen Welt gehören, an die wir uns klammern, wäre es vielleicht klüger, den Pfad und den Dharma zu praktizieren, um diesen "Hafen des Friedens" des Nirwana zu verwirklichen.

    N.B. Nirwana ist kein Ort, sondern ein Zustand!

    In vielen Philosophien und Religionen gibt es ein Endziel, an dem man sich festhalten kann. Nirvwna wurde nicht erfunden (abgesehen von dem Wort), also ist es nicht etwas, an dem man  festhalten kann. Es ist gewissermaßen der "Null"-Raum, die "Mitte" zwischen den Phänomenen. Nirwana ist der Moment, in dem alle mentalen Konstruktionen aufgelöst sind. Das einzige Ideal des Buddhismus ist das Bemühen, uns die Wahrheit sehen zu lassen.

    Das Leben mag lang erscheinen, aber in Bezug auf die Zeit an sich dauert es nur einen Wimpernschlag.  All die Hirngespinste über dauerhaftes, aber illusorisches Glück lenken uns von der Praxis des Nirwana ab. Die Suche ist lang, ein gesamtes Leben lang und vielleicht sogar mehr. Wir sollten nicht unsere Zeit verschwenden sondern unser Leben  vielmehr dem Dharma und der Praxis des Pfades  widmen!

Tags: Claude Emon Cannizzo

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