Das Ego

Frage: Oft spricht man im Zen davon, das Ego aufzugeben, und ich habe in der Unterweisung von Meister Sosan gelesen, dass es im Kosmos die Abwesenheit des Egos gibt. Ich frage mich, wo da die Grenze zu dem ist, was uns einzig macht. Wo beginnt das Ego?

Roland Rech: Das ist eine sehr weitgehende Frage. Tatsächlich gibt es im Grunde kein Ego, das aufzugeben wäre. Eigentlich, und es ist lächerlich, dies zu sagen, muss man das Ego aufgeben, weil es in Wirklichkeit kein Ego gibt. Wenn du das verstehst, kannst du augenblicklich das Ego aufgeben. Es ist eine brüske Methode, aber ich glaube, es ist die beste Antwort. Wie du bemerkt hast, hat jeder seine Persönlichkeit, seine Unterschiede und nicht die gilt es aufzugeben. Jeder hat seine Charaktermerkmale, Meister Deshimaru hatte auch starke Charaktermerkmale. Was aufzugeben ist, ist die Illusion zu glauben, dass die mentalen Erzeugnisse, die von unserem Karma konditioniert werden, ein Ego bilden. Natürlich haben wir einen Körper, wir haben Empfindungen, Wahrnehmungen, ein Gedächtnis, eine Geschichte, Wünsche, ein Bewusstsein. All dies, die fünf Skanda, das existiert. Das ist alles, aus dem sich die Persönlichkeit zusammensetzt. Von diesem Gesichtspunkt aus ist jeder ein wenig anders aufgrund seines vergangenen Karmas. Aber dies bildet kein Ego, es ist unbeständig, völlig abhängig von der Geschichte und der Umwelt. Es ist nur ein Netzwerk von wechselseitigen Abhängigkeiten. Wenn man dies versteht, kann man weniger egoistisch sein. Man kann die Illusion, ein Ego zu haben, aufgeben und zur Wirklichkeit erwachen, zur wahren unendlichen Dimension unseres Lebens und ganz natürlich weniger gierig und weniger besitzergreifend werden.

Frage: Ich möchte gerne wissen, ob es nicht ein Quäntchen Ego gibt, das beständig ist.

Roland Rech: Würdest du das wollen?

F.: Ich glaube ja. Das fände ich beruhigend. Ich möchte wissen, ob es etwas gibt, das nach dem Tod bleibt.

R.: Alle Bestandteile, aus denen wir bestehen, gehören uns nicht. Also bleibt eigentlich alles außer dem Ego, weil das Ego eine illusorische Konstruktion ist. Alles, aus dem wir gebildet sind, kommt vom Kosmos und kehrt zum Kosmos zurück. Es gibt folglich nichts, das verschwindet. Allerdings verschwindet die Zusammenstellung, die Konstruktion zersetzt sich, aber die Elemente, aus denen wir bestehen, kehren zum Kosmos zurück. Die Energieteilchen, aus denen unser Körper gemacht ist, kehren alle zum Kosmos zurück. Der Einfluss unseres Lebens, unserer Durchreise breitet sich aus wie eine Welle, wie eine Vibration, die nicht anhält. Nichts bleibt wie es ist, alles wandelt sich ständig um. Ebendarum wird nichts geboren und nichts stirbt. Frage dich selber: Was wird geboren, was stirbt?

F.: Was wird geboren, was stirbt?

R.: Wenn wir begreifen, dass bei unserer Geburt eben kein Ego geboren wurde, können wir verstehen, dass bei unserem Tod kein Ego stirbt. Es ist einfach diese Umwandlung, die fortbesteht. Nichts wird geboren, nichts stirbt. Dies ist die letzte Erfahrung Buddhas im Zazen.

Frage: Wird nicht die Verwirklichung des Erwachens zum Ego?

Roland Rech: Fragst du, ob es vielleicht egoistisch ist, zu erwachen? Das Satori erhalten zu wollen kann eine egoistische Haltung sein, wenn man denkt, dass das Satori ein Zustand von außergewöhnlicher Glückseligkeit, von großem Genuss ist. Dann möchte man es für sich selber. Es gibt Menschen, die derartige Illusionen haben. Sie haben in ihrem Leben alle Arten von Vergnügen erlebt und wurden nicht wirklich befriedigt. Sie denken, dass ihnen etwas fehlt, und dass das Satori so etwas wie die Kirsche auf dem Sahnehäubchen ist, die man schnappen will. Dies hat nichts mit dem wahren Erwachen zu tun. Wahrhaft erwachen heißt, sich selber zu verstehen, es ist nichts Außergewöhnliches. Erwachen ist, all seine Illusionen fallen zu lassen, um auf richtigere Weise zu leben, mehr in Harmonie leben mit der Wirklichkeit seiner wahren Natur. Und dies kann nicht egoistisch sein, denn wenn eine Person wirklich auf diese Weise erwacht, werden sich die anderen, wenn sie ihr begegnen, gut fühlen. Das Erwachen kann nicht nur für einen selbst sein. Das Merkmal dieses Erwachens ist, sich völlig solidarisch mit den anderen zu fühlen, was automatisch zum Mitgefühl führt, zum Wunsch zu teilen und den anderen zu helfen, sich von ihren eigenen Leiden zu befreien. Es kann kein egoistisches Erwachen geben.

Tags: Roland Yuno Rech

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