Die Quelle der Weisheit

Kusen von Roland Yuno Rech - Sesshin in St. George, CH, November 2018

Lässt man sich auf die Praxis des Weges ein, so ist dies oft ein Versuch, die eigene Unzufriedenheit zu lindern. Wir spüren, dass uns etwas im Leben fehlt und hoffen, es durch das Meditieren zu entdecken. Und tatsächlich ist das, was uns fehlt, die Weisheit, d.h. ein tiefes Verständnis des Lebens. Zazen hilft uns, dieses Verständnis zu erlangen, indem es uns lehrt, uns selbst zu erkennen. Nicht nur das, was uns kennzeichnet, was aus uns ein einzigartiges Wesen macht, verschieden von allen anderen, sondern auch, dass wir im Grunde allen Wesen ähnlich sind, dadurch, dass wir mit allen Wesen die Essenz des Daseins teilen. Es bedeutet, und ich betone das immer, dass wir nur durch unsere wechselseitigen Abhängigkeiten voneinander existieren.

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Das Verständnis dieser wechselseitigen Abhängigkeit ist tatsächlich die Quelle der Weisheit und sie liefert uns die Erklärung der Kausalität. Würden die Dinge zufällig geschehen, hätten wir keine Kontrolle und keinen Einfluss. Obgleich der Zufall existiert, ist es doch oft  vielmehr die Unwissenheit über die wahren Ursachen des Geschehens. Weisheit besteht also darin, unser Verständnis der Kausalität zu vertiefen.

So können wir verstehen, dass es Mittel gibt, das Leiden zu heilen. Dabei verhält sich  ähnlich wie  mit der Diagnose eines Arztes: das Verstehen der Ursachen der Krankheit führt zur Heilung. Und so können wir auch erkennen, wie glücklich wir uns schätzen dürfen, dem Buddhaweg  begegnet zu sein, der Zazen-Praxis, durch die wir   die  Erfahrung Budhhas, des Erwachens zur tiefen Realität des Daseins, teilen können. Deshalb kann es uns fröhlich stimmen, diesem Weg begegnet zu sein und ihn gemeinsam gehen zu können.

Es kann vorkommen, dass Weise traurig sind. Dann handelt es sich nicht um tiefe Weisheit, denn die Erscheinungen werden nur oberflächlich wahrgenommen. Verstehen wir  aber die tieferen Ursachen können wir  die Große Weisheit erlangen und dann gibt es  keinen Grund mehr, traurig zu sein, da es uns möglich ist, ins Handeln zu kommen um etwas gegen das Leiden zu unternehmen. Alle Lehren Buddhas sind geschickte Mittel, um das Leiden zu mildern. Deshalb geloben wir in unseren Bodhisattva-Gelübden, alle Lehren zu studieren, um in der Lage zu sein, uns vom Leiden zu befreien, unserem eigenen und dem der anderen.

Da die Quelle all dieser Lehren die Praxis der Meditation ist, des Zazen, ist es wesentlich sich auf eine tägliche Zazen-Praxis zu konzentrieren. Wird Zazen nur gelegentlich, beispielsweise einmal pro Woche geübt, ist das nicht sehr wirkungsvoll. Denn selbst wenn wir ein richtiges Verständnis haben, können wir uns nicht von unseren früher erworbenen Konditionierungen befreien, wenn wir nicht regelmäßig praktizieren. Manche Menschen  treten aus diesem Grund in ein klösterliches Leben ein, um so ihr gesamtes Leben der Praxis des Weges zu widmen.

Aber die ganze Welt kann auch als ein Kloster betrachtet werden, denn jeder Ort  ist ein guter Ort, um den Weg zu praktizieren. Außerhalb des Klosters müssen wir ständig kreativ sein, um Möglichkeiten zu finden, den Weg inmitten der Phänomene zu praktizieren, und das kann sich sogar als besser erweisen als die Praxis in einem Kloster. Und das ist es, was die Praxis im Alltag so spannend macht. Bei jedem morgendlichen Aufwachen können wir uns freuen, denn es beginnt ein neuer Tag, der uns zahlreiche Gelegenheiten bietet, den Weg zu praktizieren. Wir können  also voller Freude sein. Zu dieser Praxis des Weges gehört auch die Praxis, anderen zu helfen, sich von ihren Leiden zu befreien. Auch dies ist eine Quelle des Glücks.

Es gibt unserem Leben einen tiefen Sinn, sich in den Dienst anderer zu stellen, denn es bringt uns mit dem Dharma, mit der Buddha-Natur, in Einklang. Shakyamuni ebenso wie alle Meister der Übertragung bis hin zu Kodo Sawaki und Meister Deshimaru haben ihr Leben in den Dienst anderer gestellt. Ihr Leben und ihre Lehre zu studieren, ist eine große Quelle der Inspiration.

Wenn wir zusammenkommen um gemeinsam ein Sesshin zu praktizieren, ist dies die beste Gelegenheit den Weg zu üben. So ist dies ist  ein besonders glücklicher Moment  in unserem Leben und wir  dürfen uns freuen, dass er uns geschenkt wurde und wir ihn praktizieren dürfen, und wir danken allen, die dieses Sesshin ermöglicht haben, allen, die die Verantwortung für die Organisation dieses Sesshins übernommen haben und die Samu übernehmen, die für das reibungslose Funktionieren des Sesshins notwendig sind. Selbst diejenigen, die keine besondere Verantwortung trugen, ermöglichen durch ihre bloße Anwesenheit und Praxis des Sesshins, dass dieses Sesshin stattfinden kann. Ohne Praktizierende gibt es kein Sesshin. Ohne Praktizierende gibt es keinen Weg, keinen Buddha - nur Theorien. Auch wenn es im Buddhismus und im Zen viele Lehren gibt, ist das einzig wirklich Wichtige das, was wir selbst praktizieren können und was uns zum Praktizieren ermutigt.

Daher wünsche ich uns allen viel Erfolg bei unserer Praxis. Vergesst die Praxis nicht. Meister Deshimarus letzte Worte waren: "Setzt Zazen ewig fort!". Das bedeutet, der Ewigkeit, dem, was jenseits der vergehenden Zeit ist, in jedem Moment zu begegnen.

Tags: Roland Yuno Rech

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