Das tiefe Verständnis

Wenn ihr weiter auf dem Weg voranschreiten und zwischen dem, was ihr erkannt habt, und dem, was ihr davon konkret in eurem Leben verwirklicht nicht mehr entzweit sein wollt, dann bitte konzentriert euch auf die Praxis mit dem Körper.
Kusen von Roland Yuno Rech, Sesshin von Alès 2008
das tiefe Verständnis
Während des Sesshins, während der Zazen-Praxis, wird man vertraut mit dem Weg. Diese Vertrautheit dauert nicht an, denn unsere Konditionierungen sind tief. Obwohl man die letztendliche Wirklichkeit durchschaut, fährt man oft fort so zu leben, als ob davon nichts da gewesen wäre, immer Gefangener seiner geistigen Konstruktionen.
Um den Geist des Erwachens zu vertiefen, gibt es verschiedene Methoden. Die tiefste und älteste in der Unterweisung des Buddha-Weges, denn sie geht auf Buddha Shakyamuni selbst zurück, ist die Unbeständigkeit all der Objekte unserer Anhaftungen tief zu durchdringen. Nicht nur die Gegenstände, sondern sich selbst als Subjekt der Anhaftung.
Das empfahl Nagarjuna und auch Meister Dogen. Alle Meister der Übertragung haben diese Empfehlungen gegeben.
Jedes Mal, wenn eine Anhaftung auftaucht erinnern wir uns der Unbeständigkeit: des Objektes der Anhaftung und gleichzeitig des „Ichs“ das anhaftet.
Anstatt unsere Feindin zu sein, als das, was uns leiden lässt und uns stört, wird so die Anhaftung zu unserer Verbündeten auf dem Weg. Sie hilft uns dabei, unsere geistigen Gerinnungen zu verflüssigen und uns mit dem Dharma und der kosmischen Ordnung zu harmonisieren, indem wir lernen loszulassen, aber nicht im Sinne einer Opferdarbringung oder eines Verlustes, sondern im Gegenteil, als höhere Realisierung und Freiheit.
Zu verspüren, dass es die wichtigste Sache in unserem Leben ist, dem Weg zu folgen und Zazen zu praktizieren, ermöglicht uns, zur wahren Natur unserer Existenz zu erwachen und mit ihr in Harmonie zu leben. Es ist das, was man Bodaishin nennt, den Geist des Erwachens.

Wie Meister Dogen am Anfang des Hotsu Bodaishin im Shobogenzo sagte, gibt es mindestens drei Zustände des Geistes:
Den Geist, der erkennt.
Den universellen Geist oder das Herz, die Essenz, die alle Existenzen belebt.
Und dann den Geist, der fähig ist zu erfassen, was die Essenz des Universums, die letztendliche Realität ausmacht.
Dogen sagte, unter diesen drei Geisteszuständen (drei Sorten oder drei Anwendungen der Funktion des Geistes) sei es der erkennende Geist, der es ermöglicht Bodaishin zu realisieren. Man könnte sagen, es ist die richtige Beobachtung in Zazen.
Es ist dieser Geist, der Shakyamuni ermöglicht hat, die vier edlen Wahrheiten zu realisieren. Das Leiden zu verstehen, seine Universalität zu beobachten und die Ursachen zu verstehen, und gleichzeitig zu sehen, dass es ein Mittel dafür gibt, und dieses Mittel ist die Praxis des Weges. Das impliziert ein tiefes Unterscheidungsvermögen. Sich nicht mehr durch unsere Illusionen missbrauchen zu lassen, sondern die Wirklichkeit zu sehen, wie sie ist.

Aber obwohl die meisten von uns das verstanden haben, fahren wir oft fort so zu leben, als ob davon nichts da gewesen wäre, als ob sich dieses Verständnis der vier edlen Wahrheiten nicht in unsere Art zu funktionieren eingeprägt hätte. Zum Beispiel die Tatsache, immer noch heftige Emotionen zu erleben, die ein Anhaften an das Ego offenbaren, obwohl man im Grunde weiß, dass all das ohne Substanz, unbeständig ist. Dann hilft es natürlich, wie ich es vorher sagte, stetig zum Bewusstsein von Unbeständigkeit zurückzukommen, um diese Anhaftung aufzulösen. Aber das bleibt eben eine Anordnung des Unterscheidungsvermögens, das heißt des Mentalen.

Die Praxis des Zen nimmt eine noch tiefere und wirksamere Annäherung vor: es ist die Annäherung über den Körper und die Atmung. Das bedeutet all seine Energie ins Hara zu legen, sich auf eine tiefe Ausatmung zu konzentrieren und den Geist, die Energie, nicht mehr im Mentalen, in der Stirn stagnieren zu lassen. Diese Energie, diesen Geist im Unterbauch zu sammeln, an dem Punkt, wo die Ausatmung endet, wenn man die Gedärme nach unten drückt, um tief auszuatmen. Dieses Hara zu entwickeln ist grundlegend. Es gehört zur Praxis der Konzentration. All die Konzentrationsübungen im täglichen Leben, die Praxis von Zazen, Sanpai, Samu, helfen dabei, sich im Hara zu verwurzeln, aufzuhören über seine Gedanken nachzugrübeln, und wirklich in seinem Körper, in diesem Körper, im Zentrum der Energie, dem Hara zu sein.

Wenn man so praktiziert fühlt man, wie sich in uns Stabilität und tiefe Verwurzelung verwirklichen. Und man kann ständig zu dieser Verwurzelung zurückkommen: indem man völlig in seinen Gesten, seinem Körper und in seiner Atmung ist und nicht nur einfach in seinem Kopf, im Mentalen. Und das, all die Momente des täglichen Lebens, können eine Gelegenheit sein, es zu realisieren.
Wenn man in seinem Kopf lebt, ist man völlig zersplittert, von der Wirklichkeit getrennt, und mit dem aufgeregten Geist, der hinter allen Arten von Illusionen herläuft, sind wir zwangsläufig mehr und mehr unfähig und immer weniger stimuliert, mehr zu erreichen.
Ein Sesshin oder Zazen zu machen, heißt diese ganze Art des Funktionierens hier und jetzt abzulegen und sich in einem Bewusstsein von Körper und Atmung zu verankern.
Wenn man das nicht verwirklicht, bleiben die Gedanken hinsichtlich des Weges oberflächlich und ohne echte Fähigkeit zur Transformation.
Man sagt oft, dass der Weg unter unseren Füßen ist, er ist in der Tat auch in unseren Füßen, in unserer Art zu gehen, in unserem Bauch, in unseren Därmen: in diesem Körper, der immer ganz hier und jetzt in Kontakt und in Wechselbeziehung mit dem ganzen Universum ist, während das Mentale unaufhörlich versucht, davor zu entfliehen.
Also um wirklich den Weg zu realisieren und aufzuhören, ihn durch unser Verhalten zu verraten, muss man diese zwei Annäherungen kombinieren: die Unbeständigkeit beobachten, die letztendliche Unhaltbarkeit des Egos und sein Nicht-Getrenntsein vom ganzen Universum, also seine Natur ohne Geburt und ohne Tod. Und um dieses Verstehen zu verankern, es reell und wirksam werden zu lassen, muss es in alle Zellen des Körpers eindringen, um einen Zutritt zu unserem gesamten Wesen zu haben, nicht nur zu der Oberfläche des Stirnkortex. Dazu konzentriert man sich völlig auf die Haltung des Sitzens, wenn man sitzt, auf das Gehen, wenn man geht, auf die Verneigung, wenn man Sanpai macht und auf die Atmung bei jeder Geste. Und man lernt, in seinem Körper und mit seinem Körper zu leben.
So lernt man, nicht in seinen Gedanken verloren, sondern in der Wirklichkeit zu sein, so wie sie ist. Lernen, so zu funktionieren, ist eine echte innere Revolution, eine Umwandlung. Es bedeutet, wirklich unsere einfache, konditionierte Art zu funktionieren zu verlassen. Es ist die Basiserziehung in allen Zen-Tempeln.
Selbst wenn zum Beispiel Studien und Lektüre zulässig sind, widmet man ihnen maximal eine Stunde am Tag. Der ganze Rest der Zeit gehört der Praxis mit dem Körper.

Also wenn ihr auf dem Weg weiter vorankommen und nicht mehr entzweit sein wollt zwischen dem, was ihr erkannt habt und dem, was ihr davon konkret in eurem Leben realisiert, bitte konzentriert euch auf die Praxis mit dem Körper. Es ist die Art, den Körper des Buddha zu realisieren, den wahren Körper, den Körper in Einheit mit dem ganzen Universum: den Körper, der jenseits von Geburt und Tod existiert. Man nennt ihn mitunter den Dharmakaya.
 
Kusen von Roland Yuno Rech, Sesshin von Alès 2008

Tags: Roland Yuno Rech

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