Kannon-Gyo

Kusen von Yuno Rech in Maredsous, im Juli 2008.

Es gibt keine wirkliche Weisheit ohne Mitgefühl

kannon-gyo

Das Sutra von Kannon Gyo ist ein Auszug aus dem Lotus-Sutra. Kannon ist Avalokiteshvara in Sanskrit, das ist der Bodhisattva des Mitgefühls. Sein Name wurde im Chinesischen und Japanischen auf zwei Weisen übersetzt. Im Hannya shingyo ist Kanjizai diejenige, die die vollkommene Freiheit praktiziert. Sie ist es, die diese Freiheit durch das Verständnis von ku verwirklicht, der Leerheit, die nicht Nicht-Existenz oder Nichts bedeutet, sondern nichts Substanzielles, nichts, das ausschließlich aus sich selbst heraus existiert. Das ist das Erwachen Buddhas zur vollständigen wechselseitigen Abhängigkeit aller Existenzen.

Das schließt ein, dass man nichts endgültig besitzen oder ergreifen kann. Wir können diese Abhängigkeit tief leben und uns so in Harmonie mit der kosmischen Ordnung, mit dem Dharma befinden. Mushotoku praktizieren, ohne Gier praktizieren, indem wir uns vollkommen auf jede Handlung konzentrieren, indem wir völlig in der Praxis von Zazen, in der Praxis von Samu aufgehen und so die Befreiung von der Anhaftung an uns selbst erfahren, von einer begrenzten, engen, egoistischen Idee von uns selbst, und unser wahres Selbst verwirklichen, dass keine Wesenheit ist, sondern eine Art, in Einheit mit allen anderen zu sein.

Das zu sehen ist Kanjizai, die Quelle der Weisheit. Das schließt unmittelbar ein, sich vollständig mit den anderen verbunden zu fühlen, einfühlsam zu sein. Je mehr man frei ist von sich selbst, von den Vorstellungen, die man sich über sich selbst macht, desto mehr kann man offen für andere sein. Und dann wird Kanjizai zu Kanzeon: diejenige, die klar die Leerheit ihrer geistigen Gebilde sieht, wird verfügbar, um die Klagen und Leiden der Welt zu hören. Das ist die Bedeutung von kanzeon: on, die Klänge, die Laute.

In unseren weltlichen Beziehungen nutzen wir zwei Organe der Hauptsinne: die Augen und das Gehör. Klar sehen ist Quelle der Weisheit. Man sagt immer „die Wirklichkeit sehen, wie sie ist“. Aber oft riskieren wir, eine trockene Weisheit zu entwickeln, wenn wir nur unsere Fähigkeit zu sehen entwickeln. Wir sind in solchen Momenten sehr schnell damit, die Fehler, die Irrtümer der anderen zu sehen. Wir haben die Neigung, sehr schnell zu urteilen, die Menschen abzustempeln. Deshalb ist es oft besser, die Augen zu schließen und seine Ohren zu öffnen, um den Ausdruck des menschlichen Leidens zu hören. Das ist es, was uns Kanzeon-Kannon zeigt.

Im Hannya shingyo ist es Kannon-Kanjizai, die Sariputra die Weisheit erklärt. Es ist sehr wichtig zu bemerken, das es der Bodhisattva des Mitgefühls ist, der die Weisheit lehrt. Deshalb ist das Hannya shingyo das grundlegende Sutra des Mahayana: um tief in unseren Geist einzuprägen, dass es keine wirkliche Weisheit ohne Mitgefühl gibt*. Wir müssen in gleichem Maße unsere Fähigkeit zu sehen und zu hören entwickeln.

Wenn man die Übersetzung des Kannon gyo liest, kann man zuerst den Eindruck bekommen, dass es sich darum handele, jemand anderes um Hilfe anzurufen. Und es ist wahr, dass die Menschen in ihrem Leiden mitunter das Bedürfnis haben, eine höhere Macht um Hilfe anzurufen; die Kinder rufen ihre Mutter, die Erwachsenen rufen Gott, die Buddhisten rufen Kannon an.

Aber Kannon existiert nirgendwo außer in jeder und jedem von uns. Das bedeutet, dass wir diese Dimension des Mitgefühls in uns selbst lebendig und wirksam werden lassen müssen. Jeder und jede muss Kannon werden und die Fähigkeit entwickeln, den anderen zu helfen wie sich selbst, ohne einen Unterschied zu machen. Und die Sangha ist der Ort, wo man das erfahren und entwickeln kann.

Manchmal fragen mich bestimmte Leute: wie kann ich meinen Fortschritt auf dem WEG einschätzen? Wenn Ihr Euch diese Frage selbst beantworten wollt, fragt Euch, wo Ihr mit der Praxis des Mitgefühls seid.

 

Tags: Roland Yuno Rech

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