Gemeinsam praktizieren

Indem wir gekommen sind, um an diesem Sesshin teilzunehmen sind wir alle, mehr oder weniger bewusst, diesem Streben gefolgt, die tiefste Dimension unseres Leben zu realisieren. Dies nennt man den Geist des Erwachens.

Kusen von Yuno Rech, Sesshin von Alès, September 2008
 
gemeinsam praktizieren
Indem wir gekommen sind, um an diesem Sesshin teilzunehmen sind wir alle, mehr oder weniger bewusst, diesem Streben gefolgt, die tiefste Dimension unseres Leben zu realisieren. Dies nennt man den Geist des Erwachens, den Geist des Buddha, der sich auf den Weg macht, der sich daran macht, zu funktionieren, zunächst indem wir uns eines gewissen Unwohlseins, einer Unzufriedenheit in unserem Leben bewusst werden: das, was Shakyamuni dukkha, die erste edle Wahrheit nannte, die Tatsache, dass etwas nicht stimmt in unserem Leben.
Die mehr oder weniger unbewusste Wahrnehmung drängt uns zu kommen, um den Weg zu praktizieren.
Sobald man das Dojo betritt, legt man die Hände zum gassho zusammen und verbeugt sich vor Buddha. Und ab diesem Moment entsteht eine Verbindung, eine Beziehung zu Buddha. Anfänglich ist es unsere eigene Buddha-Natur, die uns drängt, zu kommen, als ob sie danach strebte, sich zu aktualisieren. Aber indem wir kommen und praktizieren verbinden wir uns mit Buddha und der gesamten Nachkommenschaft Buddhas und der Patriarchen, die den Weg in der Vergangenheit aktualisiert haben. Sie werden durch die Haltung Buddhas auf dem Altar symbolisiert. Das bedeutet, dass man nicht allein praktiziert. Man ist allein, aber zugleich zusammen: zusammen im Dojo und mit der ganzen Gemeinschaft derjenigen, die diesem Weg in der Vergangenheit gefolgt sind und die ihn weitergegeben haben.
Alle Zen-Rituale werden letztendlich nur durchgeführt, diese Verbindung zu preisen: Gemeinsam hier und jetzt im Dojo, diese Vereinigung in derselben Praxis und im Ausdruck derselben Verwirklichung und zur gleichen Zeit unsere Dankbarkeit denen gegenüber, die in der Vergangenheit ihr Leben der Weitergabe gewidmet haben und uns jetzt ermöglichen, es zu realisieren .

Wenn man sich auf die Praxis hier und jetzt konzentriert, auf die Praxis von Zazen, Gassho, Sanpai, den Gesang und auf Samu, und wenn man sich auch im täglichen Leben konzentriert, zusammen mit der Sangha, dann aktualisiert sich diese Erfahrung aller Buddhas der Vergangenheit in uns. Sie lässt uns eine Dimension des Lebens entdecken, die völlig jenseits der Grenzen unseres einfachen Geistes und unseres kleinen Egos liegt: das Leben in Einheit mit allen Wesen.
Und das bedeutet es im Grunde, wenn es heisst: «Alle Wesen haben die Buddha-Natur».

Alle Wesen haben diese gemeinsame Existenz. Jeder entsprechend seiner eigenen Situation, unterschieden von der der anderen, aber zugleich zutiefst miteinander verbunden, indem man die gleiche Wechselbeziehung und Solidarität miteinander teilt.
Auch eine Sesshin zu machen bedeutet, dies zugleich zu aktualisieren, zu realisieren, es zu vertiefen und mit Dankbarkeit zu preisen. Dieses Geschenk der Übertragung zu erhalten, das uns gemacht worden ist und unsererseits nun diejenigen zu werden, die dies den anderen übermitteln, in dem wir unsere Praxis in der Gemeinsamkeit mit ihnen teilen.
Auch das wahre Bodaishin, der echte Geist des Erwachens, ist nicht nur das Streben danach, die tiefste Dimension der Existenz zu realisieren, und zu ihr zu erwachen, sondern Bodaishin bedeutet auch, zutiefst zu geloben, allen fühlenden Wesen zu helfen, dieses Erwachen, diese Befreiung zu realisieren. Man sagt oft, der Geist des Erwachens, der Geist des Bodhisattva bedeute, zu geloben, den anderen zu helfen, das andere Ufer, das Ufer des Nirwana zu erreichen, bevor man selbst es erreicht. Dieser Begriff «bevor man es selbst erreicht» ist eng an die Ursprünge des Buddhismus geknüpft: an eine Epoche, in der es das Ziel der Praxis war, endgültig aus Samsara herauskommen und ins Nirwana, ins endgültige Erlöschen einzudringen. So gibt es natürlich ein „vorher“ und ein „nachher“ und nachher gibt es niemanden mehr, der – wem auch immer – helfen könnte. Es ist ein bisschen in Widerspruch zum Geist des Mitgefühls eines Bodhisattvas oder eines Buddhas. Es ist gerade dieses Ideal des endgültigen Erlöschens im Nirwana, das durch den Buddhismus des Großen Fahrzeugs, dem Mahayana, und namentlich dem Lotus-Sutra vollkommen in Frage gestellt wurde.

Das, was vorrangig wurde, ist die Nicht-Trennung von Nirwana als Erlöschen all der Ursachen des Leidens, das heißt grundsätzlich von Gier, Hass, Unwissenheit und Samsara, der Welt der Erscheinungen, mit dem ganzen Tross von Illusionen und Anhaftungen.
Indem diese zwei Welten jedoch nicht mehr getrennt und sie als die Vorder- und Rückseite ein und derselben Wirklichkeit betrachtet werden, setzt der Bodhisattva seine Praxis in Samsara fort und lebt die Befreiung dort.
Eben weil ein Bodhisattva sich nicht mehr von allen Wesen getrennt fühlt, gibt er alle Spuren von Egozentrismus auf und realisiert das höchste Erwachen: hier und jetzt, im selben Moment, wo er sein Gelübde spricht und wiederholt zu kommen, um allen Wesen zu helfen. So lebt er damit in Harmonie und es gibt die Begriffe von „vorher“ und „später“ nicht mehr, oder die anderen «vorgehen» zu lassen. Die anderen und man selbst sind nicht mehr getrennt. Vorher und hinterher sind nicht mehr getrennt. Das lebendige Nirwana verwirklicht sich ohne Trennung in jedem Moment der Praxis mit den anderen.
Dieses lebendige Nirwana, dieses Erwachen, ist nicht etwas wie ein Gegenstand der Begierde, wie eine auf einem Klettermast angebundene Bonbontüte, die man mit vielen Anstrengungen absolut erreichen müsste. Es ist vielmehr unsere Art und Weise, hier und jetzt harmonisch mit Zazen und dem Weg zu funktionieren, das heißt im Loslassen all unserer egoistischen Tendenzen und indem wir mit Freuden diese Erfahrung mit anderen teilen.
Es ist das, was ich jedem von uns wünsche, weiter zu experimentieren, zu praktizieren und weiterzugeben.
Denn ein Sesshin hört nicht in einem bestimmten Moment auf, dem Moment, an dem man sich auf Wiedersehen sagen wird. In der Vertrautheit mit dem Weg wird unser ganzes Leben zum Sesshin.

Kusen von Yuno Rech, Sesshin von Ales September 2008

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